Das Lichtfest Leipzig versteht die Friedliche Revolution von 1989 nicht als abgeschlossene Geschichte, sondern als Ausgangspunkt für Fragen an die Gegenwart. Seit 2009 entwickeln Künstlerinnen und Künstler Arbeiten zu Erinnerung, Öffentlichkeit, Freiheit, Emanzipation und gesellschaftlicher Veränderung.
1989 wurde der Leipziger Innenstadtring durch die Demonstrierenden von einem Verkehrsraum zu einem politischen Raum. Das Lichtfest greift diese historische Transformation auf und macht den Ring erneut zum Ort öffentlicher Auseinandersetzung. Der Leipziger Innenstadtring wird dabei selbst zum Medium: Historischer Ort der Demonstrationen und zugleich öffentlicher Raum der Gegenwart. Licht, Video, Klang und Performance greifen in diesen Raum ein und verbinden individuelle Erinnerung mit aktuellen gesellschaftlichen Erfahrungen.
Von Jahr zu Jahr verschiebt sich die Perspektive – von Erinnerung und Öffentlichkeit über Aufklärung und Utopie bis zu Teilhabe und Emanzipation. Gemeinsam ist den Projekten die Frage, wie Zivilgesellschaft entsteht, wie Freiheit behauptet wird und welche Rolle Kunst bei der Wahrnehmung gesellschaftlicher Veränderung spielen kann.
Künstlerische Leitung: Jürgen Meier · Lichtfest Leipzig 2007–2018
Foto: Punctum
Lichtfest Leipzig, 2009
Erinnerung
Die Künstlerinnen und Künstler setzen sich aus der Perspektive ihrer eigenen Biografien mit Umbruch und Aufbruch der Jahre 1989/90 auseinander. Ihre Arbeiten fügen sich zu einem vielstimmigen Bild persönlicher und gesellschaftlicher Erinnerung.
Die Besucher erleben die Installationen bei einem Gang über den Leipziger Innenstadtring – jenem Ort, an dem am 9. Oktober 1989 rund 70.000 Menschen friedlich demonstrierten. Der historische Weg wird erneut zum gemeinsamen Erfahrungsraum: Das Lichtfest verbindet Erinnerung und Gegenwart.
Marek Brandt · Robert Bramkamp · Till Exit · Fred Fröhlich · Andy Gädt · Jörg Herold / Jana Rath · Andreas Höll · Frank Hülsmeier / Jürgen Wenige · Tschark Ihmels · Uwe Knappschneider · Via Lewandowsky · Maix Mayer · Norbert Meissner · Carsten Nicolai · Olaf Nicolai · Stefan Rettich · Ute Richter · Tilo Schulz · Susanne Weirich · Arend Zwicker · Jerzy Zoń
Künstlerische Leitung: Jürgen Meier · Leipzig, 2009
Lichtfest Leipzig, 2014
Öffentlichkeit
25 Jahre nach dem 9. Oktober 1989 setzen sich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit der Entwicklung der Zivilgesellschaft und neuen Formen von Öffentlichkeit auseinander. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die Erinnerung an die Friedliche Revolution, sondern auch die gesellschaftlichen Veränderungen, Konflikte und Freiräume der Gegenwart.
!Mediengruppe Bitnik thematisiert Überwachung, Westfernsehen die Eventisierung gesellschaftlicher Ereignisse. Ulli Polster untersucht in einer Videoperformance den Druck der Masse im öffentlichen Raum. Mischa Kuball schafft am Wilhelm-Leuschner-Platz einen temporären Freiraum und überträgt mit dem Satz „Kritisches Denken braucht Raum und Zeit. Hier & Überall.“ eine Forderung der Friedlichen Revolution in die Gegenwart.
Yvon Chabrowski · Mike Dietrich / Susan Frisch · Max Erlemann / Frank Hülsmeier · Mischa Kuball · Jürgen Meier · Claudius Nießen · Ulrich Polster · Jonathan Richter · Sigrid Sandmann · Mario Schröder / Leipziger Ballett · Studio 2014 · Edith Tar / Radjo Monk
Künstlerische Leitung: Jürgen Meier · Leipzig, 2014
Mischa Kuball, White Space, 2014, Foto: Punctum
Lichtfest Leipzig 2016
Aufklärung
Ausgehend von Kants Aufforderung „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ fragt das Lichtfest nach der Bedeutung von Aufklärung in der Gegenwart. Was geschieht, wenn das Vertrauen in Experten und gesellschaftliche Institutionen schwindet? Wie entstehen eigenes Urteil, Verantwortung und die Bereitschaft, Veränderungen selbst mitzugestalten?
Die künstlerischen Arbeiten entwickeln dazu einen Parcours entlang der Begriffe Mut, Werte und Veränderung. Motivation, Angst, Selbstwahrnehmung, Aktivität und Freiheit markieren Stationen auf dem Weg zu einer zentralen Frage: Entscheiden wir uns für eine Kultur der Angst oder eine Kultur der Freiheit?
Mario Schröder und das Leipziger Ballett
Coach: Sylvester Groth
Musik: Mike Dietrich
Künstlerische Leitung und Video: Jürgen Meier
Lichtfest Leipzig, 2017
Utopie
Das Lichtfest Leipzig 2017 richtet den Blick auf Utopien, Sehnsuchtsorte und den Aufbruch ins Ungewisse. Mit Film, Musik, Installation und Performance schlagen die künstlerischen Arbeiten einen Bogen von historischen Zukunftsentwürfen bis zu den Hoffnungen und Ängsten der Gegenwart.
Ausgangspunkt sind Momente, in denen das scheinbar Unmögliche denkbar und schließlich Realität wurde: die Reformation, die Friedliche Revolution, die deutsche Einheit und die Vision eines offenen Europas. Ihnen steht die Frage gegenüber, welche Utopien unsere Gegenwart noch hervorbringt.
Das Lichtfest fragt: Sind wir wunschlos geworden – oder können Vorstellungen einer anderen Zukunft weiterhin gesellschaftliche Veränderung auslösen?
Moderator: Claudius Niessen
Musik: Stefan König Quartett
Künstlerische Leitung und Video: Jürgen Meier
Lichtfest Leipzig, 2018
Teilhabe
Hundert Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechts richtet das Lichtfest Leipzig 2018 den Blick auf Emanzipation, gesellschaftliche Teilhabe und die Rolle von Frauen in demokratischen Veränderungsprozessen. Eine historische Reise führt von 1918 über den 17. Juni 1953, den Prager Frühling und die Friedensbewegung bis zur Friedlichen Revolution 1989 und in die digitale Gegenwart.
Fünf Schauspielerinnen geben Zeitzeuginnen eine Stimme. Musik, Video und Performance verbinden ihre persönlichen Erfahrungen mit gesellschaftlicher Geschichte. Die Perspektiven ICH.DIE.WIR. bilden dabei die dramaturgische Struktur: individuelle Erfahrung, gesellschaftliches Gegenüber und gemeinsames Handeln.
Im Zentrum steht die Frage, was sich in hundert Jahren verändert hat: Wie weit reichen Emanzipation und Teilhabe – und welche Freiheiten müssen immer wieder neu behauptet werden?
Künstlerische Leitung und Video: Jürgen Meier